Ich muss mir da mal was von der Seele schreiben. Ich schreibe seit 13 Jahren Bücher und arbeite mit Verlagen. Aktuell liegt ein fertiges Manuskript bei einem Verlag, das im Frühjahr veröffentlicht wird, und auf das ich mich schon sehr freue, und eine Buchidee ist von einem Verlag bereits angenommen worden, allerdings muss ich mich noch selbst um die Finanzierung kümmern.
Ich hab in diesen 13 Jahren und mit verschiedenen Verlagen alles erlebt – von unfassbar guter Pressebetreuung in House, Zusammenarbeit mit fantastischen PR-Agenturen, die sich auf Buch-PR spezialisiert hatten bis hin zu ich hab alles selbst gemacht, weil der Verlag nix zustande gebracht hat, von toller Marketing-Unterstützung bis hin zu „sag selbst, wie würdest du das Buch vermarkten und welche Kontakte hast du und kannst eh gleich direkt kontaktieren“.
Ich hab von Full Service, um alles wird sich gekümmert, hallo du tolle Autorin, wir haben dich lieb, entspann dich, wir checken das alles, hier, ein Glas Sekt, bis hin zum Gedanken, dass ich eigentlich Self Publishing machen sollt, weil der Mehrwert der Verlage verloren geht (keine Sorge, es muss sich kein einziger der Verlage, mit denen ich arbeite, angesprochen fühlen, ich beobachte die gesamte Branche) die gesamte Bandbreite erlebt. Und habe mich vielleicht zu lang am Gedanken festgehalten, dass es so weitergeht wie früher. Tut es nicht mehr. Das realisiere ich derzeit, und ich merke, dass ich Anpassungsschwierigkeiten habe – denn selbst wenns mich stört, dass ich Arbeit machen muss, die bisher die Verlage machten, nun aber nicht mehr machen können, weil ihnen auch die Ressourcen fehlen: So schnell wird sich das nicht mehr ändern, und wenigstens lassen sie mich mitarbeiten. Dass ich den alten Zeiten hinterhertrauere – damit bin ich wohl nicht allein. Und das muss ich umlernen und die innere Blockade aufgeben. Ich bin grad dabei.
Ich arbeite nebenbei in einer Buchhandlung und sehe, was gekauft wird, und sehe, dass immer weniger gekauft wird. Ich spreche mit BuchhändlerInnen und merke, wie viel schwieriger das Geschäft geworden ist. Auch an meinen eigenen Umsätzen – all meine Bücher haben sich bisher wirklich gut verkauft, zwar weit entfernt von „davon leben können“, aber es waren alles definitiv keine Ladenhüter. So einen richtigen Kracher wie „Ich kauf nix“ zu produzieren, der im ganzen DACH Raum gut fünfstellig verkauft hat … selbst wenns mir gelingt, den Zeitgeist wieder so gewaltig abzuholen wie damals, ich weiß, trotzdem würde ich weniger verkaufen. Weil das Interesse am Lesen an sich dramatisch zurückgegangen ist, solange es sich nicht um (feministisch übrigens meist höchst fragwürdige, ich würds meine imaginäre pubertäre Tochter nicht so ohne weiteres lesen lassen) Young Adult Kitsch-Scheiße oder Krimis von bekannten Autor:innen handelt.
Ich sehe Verlage (von außen), die massiv von Bewegungen innerhalb der Buchbranche betroffen sind (Stichwort Pleite der Melo, die heimische Verlage unfassbar viel kostete) und wie sie darauf reagieren – die einen innovativ mit sofortigem Mitdenken multimedialer Plattformen und – Konzepte, die anderen mit großer Vorsicht, bloß nichts mehr zu produzieren, das kein gesicherter Bestseller ist (und die so das Risiko auf wenige Bücher und in weiterer Folge Autor:innen verteilen, anstatt es breit aufzufächern – was oft aufgrund der gestiegenen Druckkosten fast nicht mehr möglich ist, gschissene Situation für alle Seiten außer den Papierverkäufern). Ich sehe Verlage, die gefangen sind zwischen „ok, Buchpreisbindung heißt nur, dass wir einen Mindestpreis nicht unterschreiten dürfen“ und „wir dürfen aber nicht noch teurer werden, sonst wird gar nix mehr gekauft“ – neben den eben explodierenden Papierpreisen der letzten Jahre.
Ich liebe die Verlagswelt, liebe es, mich durch Vorschauen zu blättern und aus ihnen Zeitgeist-Trends der kommenden Monate herauszufiltern (unvergessen das Jahr, als plötzlich in drei verschiedenen deutschsprachigen Verlagen gleichzeitig Bücher über Raben erschienen – und dann nie wieder). Ich liebe das Schreiben, ich liebe das Lesen, ich liebe diese gesamte Welt und Organisation, die Verlage aufgebaut haben. Aber der Gedanke – Brauche ich Verlage überhaupt noch? – wird immer stärker. Denn sogar in der Buchhandlung merke ich: Gut 90 Prozent der Kund:innen kommen mit einem spezifischen Buchwunsch daher, und wir bestellen dann, wenn wirs nicht lagernd haben. Dass wirklich jemand durch die Buchhandlung schlendert und sich inspirieren lässt, kommt signifikant weniger häufig vor. Das heißt, dass auch die Vertreter:innen, die den Buchhandlungen erklären, wo viel Marketing reingehen wird und was sich gut verkaufen wird, unwichtiger werden, wenn die Kommunikation über Bücher zunehmend von den Schreibenden auch selbst übernommen wird. Denn die Kund:innen, die bestellen, die haben auf anderen Kommunikationswegen von dem Buch erfahren. Wege, die man ohne Verlag auch beschreiten könnte. Von dieser Selbstvermarktung von Büchern bekomme ich immer mehr mit, keine Autorin und kein Autor, der oder die wirklich verkauft, kommt heute noch ohne große Social Media Handles aus. Und auch das Argument, dass man bei Self Publishing halt keinen guten Vertrieb hat, wird immer weniger wichtig – siehe „Menschen kommen in die Buchhandlung und bestellen proaktiv“. Immerhin gehen sie noch in die Buchhandlung.
Aus Sicht der Buchhandlungen ist die Sache jedoch klar: Self Publishing ist ganz deppert für die, weil sie da wenig bis keine Marge haben. Von lauter Verkäufen von Self Publishern kann eine Buchhandlung nicht überleben. Und das ist das inzwischen letzte Argument, das mich vom Self Publishen noch abhält. Ich will gute Buchhandlungen, und ich will Verlage, die mit diesen Buchhandlungen im guten Einvernehmen arbeiten.
All das macht mich unglaublich nachdenklich. Es nimmt der Buchwelt, egal ob Belletristik oder Sachbuch, die Vielfalt, die Kreativität und den Mut zu Neuem. Ich sehe wenige Mutige, die gegen den Strom schwimmen (Stefanie Jaksch mit ihrem Verlag Wasser zum Beispiel), und ich hoffe, dass wir da bald einen Trend erleben, der den Mutigen und Kreativen wieder mehr Schaffensraum ermöglicht. All der Druck, der herrscht, macht die Buchwelt kaputt. Und damit ein Kulturgut.
Lediglich, die wirtschaftlichen Antworten fehlen auch mir. Was muss passieren, um das Medium Buch bzw. geschriebenes Wort wieder mit so viel Wert aufzublasen, dass ein volles Buchregal mehr Virtue Signalling ist als Markenkleidung oder neueste E-Gadgets? Wie halten wir das konstante Sterben von kleinen Buchhandlungen auf? Wie schaffen wir wieder eine Buchwelt, von der alle profitieren? Ich möchte gar nicht mehr mit Glas Sekt hofiert werden (wobei….. 😉 ), aber ich möchte wieder das Gefühl haben, das die Produktion von Büchern ein tolles Geschäft ist, von dem wir alle nicht nur finanziell profitieren. In anderen Worten, es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass der Kapitalismus sogar diese wunderbare Welt des geschriebenen Wortes besiegt.
Diese Absätze sind kein Abbild meiner schreiberischen Fähigkeiten, aber ich habe den dringenden Wunsch, diese Gedanken in die Welt rauszulassen, direkt und unredigiert von meiner Seele runtergeschrieben, um Feedback dazu zu bekommen. Was meint ihr?
(Übrigens hat mal wer fünf bis zehn Fetzen zur Förderung eines Buchs über interessante Frauen aus allen Schichten und Lebenswelten und das Leben als Frau in Wien? Kommts mir jetzt bitte ned mit Stadt Wien, die Idee hatte ich auch schon).